Von wegen schrauben – Rallyefahren ist Bastelarbeit

Ja, wir hatten uns das anders vorgestellt. Wir hatten geglaubt, Rallyfahren bedeutet mit dem 13-Maulschlüssel unter einer triefenden Ölwanne zu liegen, zu fluchen, sich die Finger an rostigen,  tief im Motorraum verstecken Schellen aufzureissen. Wir hatten geglaubt, all das, was uns Generationen von Vätern über berstende Zylinderköpfe, fauchende Kühler und platzende Lenkkopfgetriebe erzählt hatten, sei real. Kurz: Wir hatten geglaubt, allein schon die Vorbereitung für eine Rallye des Kalibers der Allgäu-Orient sei nichts anderes als Blut, Schweiß und Tränen.

Weit gefehlt! Rallyefahren im Zeitalter der weichgespülten Männertypen ist sogar im härtesten Fall der Fälle nichts weiter als Bastelarbeit.  Drei Tage lang – von Samstag bis Montag – haben wir am Wochenende gebastelt:  Gemessen, ausgeschnitten, geklebt. Wir haben auch Kofferräume ausgesaugt, Sitzkissen mit Febrees besprüht, eintrocknen lassen und nachher alles ausgesaugt. Statt Öl zu atmen, haben wir Textil gereinigt.

Wir haben das nicht freiwillig gemacht, aber nachdem sich Schimmel in den Sitzen breit gemacht hatte und uns ein vielversprechend Sponsor von Rallyfolien – sagen wir mal wegen weltanschaulicher Diskrepanzen – abhanden gekommen war, konnten wir gar nicht anders, als uns um die Hygiene- und Designproblematik unserer Boliden selber zu kümmern. Nachdem die Jungs aus der Daimlerwerkstatt in Sindelfingen für uns die Kernerarbeit erledigt hatten (Wir berichteten), blieb uns nicht viel mehr, als uns die Schürze umzubinden und die Bürste in die Hand zu nehmen.

Immerhin wissen wir jetzt: auch Äußerlichkeiten zählen. Mindestens zwei der W-124er Boliden waren nach dem Wochenende nicht wiederzuerkennen.“Rassig“, „stolz“, erhaben“, waren Attribute, die Passanten beim Anblick der Autos staunend über die Lippen brachten. Auf dem stolzen Sechszylinder der Herren Dirk S. und Klaus H. prangen jetzt mattschwarze Zierflächen und waldgüne Rallye-Streifen aus Sicherheitsfolie.  Dass grün gleichzeitig die Farbe der islamischen Welt ist, und bei einer Panne jenseits des Bosporus mit bevorzugter Abschleppung gerechnet werden kann, mag – unbestätigten Berichten zufolge – aber ebenso eine Rolle gespielt haben. Die Piloten des zweiten T-Modells, Christian G. und Walther R. machten es genau andersherum. Um politisch möglicht neutral zu bleiben, beflaggten sie ihren Boliden in Grau-Weiß-Orange.  „Dies Kombination ist überall auf der Welt Zeichen für sportlich ambitioniertes Fahrem auf höchstem Niveau“, so einer der Teilnehmer. „Da wird man von den Einheimischen immer richtig verstanden.“

Zur besseren Verständigung – diesmal nicht mit fremden Kulturen, sondern eher untereinander – haben die Beduinen es dann übrigens doch noch geschafft, Funkgeräte in ihre T-Modell einzubauen. Sie hoffen jetzt, dass die Rallye-Route übers flache Land führt. Denn in den Hügeln Stuttgarts hört man ausser kosmischer Hintergrundstrahlung, bisher eigentlich sonst nichts und niemanden.

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