Monatsarchiv: April 2010

Von wegen schrauben – Rallyefahren ist Bastelarbeit

Ja, wir hatten uns das anders vorgestellt. Wir hatten geglaubt, Rallyfahren bedeutet mit dem 13-Maulschlüssel unter einer triefenden Ölwanne zu liegen, zu fluchen, sich die Finger an rostigen,  tief im Motorraum verstecken Schellen aufzureissen. Wir hatten geglaubt, all das, was uns Generationen von Vätern über berstende Zylinderköpfe, fauchende Kühler und platzende Lenkkopfgetriebe erzählt hatten, sei real. Kurz: Wir hatten geglaubt, allein schon die Vorbereitung für eine Rallye des Kalibers der Allgäu-Orient sei nichts anderes als Blut, Schweiß und Tränen.

Weit gefehlt! Rallyefahren im Zeitalter der weichgespülten Männertypen ist sogar im härtesten Fall der Fälle nichts weiter als Bastelarbeit.  Drei Tage lang – von Samstag bis Montag – haben wir am Wochenende gebastelt:  Gemessen, ausgeschnitten, geklebt. Wir haben auch Kofferräume ausgesaugt, Sitzkissen mit Febrees besprüht, eintrocknen lassen und nachher alles ausgesaugt. Statt Öl zu atmen, haben wir Textil gereinigt.

Wir haben das nicht freiwillig gemacht, aber nachdem sich Schimmel in den Sitzen breit gemacht hatte und uns ein vielversprechend Sponsor von Rallyfolien – sagen wir mal wegen weltanschaulicher Diskrepanzen – abhanden gekommen war, konnten wir gar nicht anders, als uns um die Hygiene- und Designproblematik unserer Boliden selber zu kümmern. Nachdem die Jungs aus der Daimlerwerkstatt in Sindelfingen für uns die Kernerarbeit erledigt hatten (Wir berichteten), blieb uns nicht viel mehr, als uns die Schürze umzubinden und die Bürste in die Hand zu nehmen.

Immerhin wissen wir jetzt: auch Äußerlichkeiten zählen. Mindestens zwei der W-124er Boliden waren nach dem Wochenende nicht wiederzuerkennen.“Rassig“, „stolz“, erhaben“, waren Attribute, die Passanten beim Anblick der Autos staunend über die Lippen brachten. Auf dem stolzen Sechszylinder der Herren Dirk S. und Klaus H. prangen jetzt mattschwarze Zierflächen und waldgüne Rallye-Streifen aus Sicherheitsfolie.  Dass grün gleichzeitig die Farbe der islamischen Welt ist, und bei einer Panne jenseits des Bosporus mit bevorzugter Abschleppung gerechnet werden kann, mag – unbestätigten Berichten zufolge – aber ebenso eine Rolle gespielt haben. Die Piloten des zweiten T-Modells, Christian G. und Walther R. machten es genau andersherum. Um politisch möglicht neutral zu bleiben, beflaggten sie ihren Boliden in Grau-Weiß-Orange.  „Dies Kombination ist überall auf der Welt Zeichen für sportlich ambitioniertes Fahrem auf höchstem Niveau“, so einer der Teilnehmer. „Da wird man von den Einheimischen immer richtig verstanden.“

Zur besseren Verständigung – diesmal nicht mit fremden Kulturen, sondern eher untereinander – haben die Beduinen es dann übrigens doch noch geschafft, Funkgeräte in ihre T-Modell einzubauen. Sie hoffen jetzt, dass die Rallye-Route übers flache Land führt. Denn in den Hügeln Stuttgarts hört man ausser kosmischer Hintergrundstrahlung, bisher eigentlich sonst nichts und niemanden.

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Die Jungs aus der Daimler-Werkstatt und ihr Projekt: Rettet die W-124-Staffel. Die Beduinen bedanken sich.

Wie es dazu kam, dass die sechs fast schon abgehalfterten W-124-Schlachtrösser der Benztown-Beduinen in den blinkenden Hallen des Daimler-Werks in Böblingen landeten, weiß heute keiner mehr so genau.  Irgendwann wurden sie einfach von mehreren Werkern in Blaumännern nach drinnen geschoben. Ein bisschen so wie unbekannte Flugobjekte, die in amerikanischen Spielfilmen im Forschungslabor der Army, erst mal auf außerirdisches Leben untersucht werden müssen.

Außerirdisch war natürlich nichts an den T-Modellen der Beduinen. Nicht von dieser Welt waren sie aber irgendwie schon. Zumindest waren sie nicht aus dieser Zeit. Auf den Typplaketten vorne im Motorraum kleben die Baujahre 1987 – 92, die Vier- und Sechszylinder von damals sind zwar solide, aber aus heutiger Sicht nicht gerade das, was Kenner als sexy Motoren bezeichnen. Einparkhilfen? Navischnickschnack? Elektronik? Fast nichts vorhanden! Dafür im Interieur der Charme der 80er und außen Blech, so dick wie die Kartonierung eines Leiz-Ordners.

Das Problem war nur, dass der Zahn der Zeit seine Spuren teilweise mit ziemlichem Biss im Innenleben der T-Modelle hinterlassen hatte. Bremsen, Lenkgeometrie, Unterbodenschutz, Stabi-Gelenke, Niveau-Regulierung – alles hin.

Ich habe mit den Männern geredet, die die Boliden in ihrem erbarmungswürdigen Zustand zum ersten Mal unter die Lupe nahmen, und ich habe ihren zweifelnden Blick gesehen, als der Rost von Radaufhängungen und Schwellern rieselte, wie der Raureif in einem winterlichen Wald von den Tannen. „Schafft ihr das?“, habe ich sie gefragt. „Kriegt ihr das wieder hin?“ Es wären keine Mechaniker beim wohl schwäbisch-solidesten  Autobauer überhaupt, wenn sie sofort „Ja“ gerufen hätten. Stattdessen war die Antwort: „Schauen wir mal“.

Sechs Wochen später kann ich nur sagen. Die Daimler-Mechaniker haben Wort gehalten: Sie haben „geschaut“ – und zwar sehr genau. In Dutzenden Arbeitsstunden und mit viel eigenem Engagement haben sie aus ziemlichen Wracks Rennmaschinen gemacht, in die wahrscheinlich auch Außerirdische sofort einsteigen würden.  Die Bremsen beißen plötzlich wie Pitbulls, die Kupplung kommt auf den Punkt. Die Ventile klickern wie in einer anderen Umlaufbahn und die Unterböden sind mit soliden Stahlplatten gegen die Unbilden der jordanischen Wüste geschützt worden. Und weil’s so schön ist, haben die T-Modelle gleich noch eine werksseitige Höherlegung spendiert bekommen, die einem heutigen SUV zur Ehre gereichen würde.

Kurz und Gut: Nach einer so guten Vorarbeit, können wir eigentlich gar nicht mehr anders, als die Rallye zu gewinnen. Danke an das Team der Daimler-Schrauber aus Böblingen!

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